Verwertungskampagne

März 2022
Beobachtungen zur niederländischen Kunsthandlung Goudstikker-Miedl

Logo Texte zum Kunsthandel 1933-1945 Caroline FlickDie Pandemie hat allerorten Arbeitsbedingungen neu festgelegt, so dass sich die Gelegenheit ergab, digitalisierte Bestände auf ihre Ergiebigkeit und Belastbarkeit zu prüfen. Aus dem Korrelieren gefundener Daten ließ sich ein dichteres Netz knüpfen als erwartet, so dass eine detailgesättigte Studie entstanden ist, die Bemerkenswertes zu Handel und Auktion zu Tage fördert.

Die Studie ist „Verwertungskampagne“ betitelt, weil sie Handelsstrategien am Beispiel herausschält. Dabei ist ein Anklang an die staatliche Verwertung entzogener Güter durchaus beabsichtigt, handelte es sich bei der Ware doch zu einem signifikanten Teil ebenfalls um Raubgut und anderen Teil um bevorteilte Aufkäufe bei Händlern, deren Optionen die deutsche Besatzung deutlich verringerte.

Ansatz

Die online zugänglichen Quellen einer seriellen Untersuchung zu unterziehen, sollte ursprünglich Einlieferungen bei drei Auktionen Hans W. Langes in Berlin näher bestimmen. Nach den zugänglichen Daten aber ließ sich jenes Netz weiter auswerfen und die Untersuchung zentrierte sich um den Bankier und Spekulanten Alois Miedl (1903-1970).

Miedls Tätigkeiten und Wirtschaftsweisen stellte eine Monographie von Nils Fiebig vor kurzem erstmals umfassend vor und eine kritische Untersuchung von Sophia Barth wird sie demnächst weiter beleuchten.

Diese „Beobachtungen“ richten sich – im Sinne eines Komplementärs – aber allein auf die Tätigkeit der Kunsthandlung, die Miedl nach widerrechtlicher Aneignung fortführte, zur besseren Unterscheidung stets „Goudstikker-Miedl“ genannt. Nach „close reading“ sollen sie anschaulich berichten und ihre Schlüsse transparent halten; mit „distant reading“ zur Beurteilung der Quellenwerte, des Detail- wie Massenverkaufs und Parametern zur Vermessung von Auktionen führen.

Akquisen

Miedl, seit 1935 in Amsterdam ansässig und im Bankensektor tätig, interessierte sich weit früher als angenommen für Kunstwerte als Spekulationsobjekte. Wohl seit Beginn des Krieges, greifbar ab Januar 1940, kaufte er für nicht unerhebliche Summen Kunstwerke in Deutschland und den Niederlanden.

Für den Abverkauf suchte er eine Kunsthandlung zu übernehmen. Die Firma des renommierten Kunsthändlers Jacques Goudstikker (1897-1940), der auf der Flucht vor den deutschen Besatzern im Mai 1940 tödlich verunglückte, bot ihm die Gelegenheit wie Chance. Das Eingreifen Hermann Görings, Reichsmarschall und Kunstliebhaber, der sich den Erstzugriff auf die Ware sicherte, führte zur Zerschlagung und „Arisierung“ der Kunsthandlung. Miedl übernahm Häuser, Inventar und Namen.

Er eröffnete eine hektische Einkaufstätigkeit, anderen deutschen Interessenten zuvorzukommen und die Niedrigpreise des holländischen Marktes zu nutzen. Zur Finanzierung des Unternehmens ließ er sich von einer Handelsgesellschaft, deren Haupteigner er war, einen Kredit verschaffen, der auf Verkaufsgarantien für seine Ware beruhte.

Targeting

Miedl ließ seine Gemälde, sobald sie verfügbar waren, durch Agenten in der Reichskanzlei vorführen. Er hatte nicht nur die Ankäufe für das geplante „Führermuseum“ in Linz, sondern Adolf Hitler selbst als größten möglichen Kunden identifiziert. Seine Agentinnen Heinrich Hoffmann und Maria Almas Dietrich sorgten für das „Targeting“ des Großkunden. Insgesamt setzte Miedl auch gegen Aversionen des Leiters Hans Posse binnen kurzer Zeit 185 Gemälde an die Reichskanzlei ab, weil die Vorschauen auf den Geschmack des Diktator zugeschnitten wurden.

Perspektivenwechsel ist verlangt: Nicht, wie vielfach unterstellt, traf Hitler ,eine Auswahl‘ aus Kunstgütern, die eine eigens geschaffene oder bestehende Instanz der Exekutive in eroberten Gebieten wie Kriegsbeute aufbrachte, um sie ihm als erstem vorzulegen, sondern ein Händler brachte nominell eingekaufte Güter – gleichwohl Raubgut, weil dem Verkäufer keine Entscheidungsfreiheit gegeben war – aus ökonomischem Kalkül dem finanziell potentesten Kunden erfolgreich nahe.

Massenabsatz

Parallel plante Miedl den Abverkauf über Auktionen, um als erster niederländische Malerei in neuem Maße in Deutschland zu vertreiben. In kürzester Zeit beschickte die Firma über zwischengeschaltete Unternehmen acht Auktionen auf deutschen Handelsplätzen mit umfangreichen Einlieferungen. Die Auktionsbeiträge schnitten sehr unterschiedlich ab, was auf Zusammensetzungen, Vorbereitungen, Werbung und Publikumsinteressen zurückzuführen ist. Vertiefte Untersuchungen liefern Einsichten zu den Instrumenten von Einlieferern, die Preise ihrer Waren mittels Stützkäufen und Scheinzuschlägen zu moderieren und manipulieren.

Vergleichsstudien zu Auktionen der untersuchten Zeit fehlen noch weithin. Allein schon die Katalogbereitung bedarf zunehmend der Vergleichsgrößen. Mehr noch wirkt sich das auf Urteilsversuche zu Auktionsergebnissen aus. Deshalb werden Parameter erprobt, die zur Beurteilung von Auktion(seinlieferung)en dienen. Zunächst zeigen Vergleiche zwischen Verkauf nach Los und nach Wert die Beschickungen, Interventionen und Ergebnisse der Veranstaltungen, dann werden Vermessungsversuche zu Auktionen vorgestellt.

Darstellbarkeit

Ein solche Studie führt an die Grenzen der Darstellbarkeit. Schon die Unternehmung gerät zur Herausforderung, der Apparat furchteinflößend. Die Rezeption von Forschungsanstrengungen fordert immer mehr Aufwand an Lektüre, Verzeichnung und Verarbeitung. Wenn wir ein einzelnes Objekt „anfassen“, bekommt es Wurzeln und Zweige, die sich kaum noch „erzählen“ lassen. Wieder einmal macht das den Bedarf von Wissensmanagement sichtbar. Die vorläufige Antwort kann nur sein, die Darstellung benutzbar zu machen, also online vorzuhalten.

Ich danke all den Kolleginnen und Kollegen, die mit Einsichten und Einhilfen angeschoben und aufgeholfen haben, mit eigenen Fragen — Belastbarkeit der Quellen? Kunstwerke als Verschiebemasse? Instrumentarien der Beteiligten? — Richtung gewiesen und die Klagen über stockende Fortgänge klaglos angehört haben.

Insbesondere danke ich meinen kritischen Leserinnen Sophia Barth, Dr. Sibylle Ehringhaus, Dr. Susanne Meyer-Abich und Leo Weidinger sowie für Hilfestellungen Dr. Christopher Galler und Jan Thomas Köhler.

Download: Beilage Verwertungskampagne*. Inhaltsverzeichnis und Links zu Beobachtungen zur niederländischen Kunsthandlung Goudstikker-Miedl (PDF)

Download: Verwertungskampagne. Beobachtungen zur niederländischen Kunsthandlung Goudstikker-Miedl (PDF, Abb.)

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