Verwertung Umzugsgüter Tietz

August 2018

Logo Texte zum Kunsthandel 1933-1945 Caroline FlickDer folgende Aufsatz ist im Nachgang zweier Vorträge entstanden, zum ersten für die Tagung des Arbeitskreises für Provenienzforschung in Berlin bereits am 9. April 2013 und zum nächsten für das Treffen des Arbeitskreises Provenienzforschung und Restitution Bibliotheken in Bautzen am 26. April 2018.

Leitideen

Er unterbreitet das Material, auf dem jene Kurzfassungen beruhten. Die Leitfrage ist die des Empirikers: „Was geht hier eigentlich vor sich?“ Jürgen Babendreier hielt 2013 einen Vortrag, dem diese Frage Leitmotiv war, ein hermeneutisches Instrument, um disparate Erscheinungen zusammenzuführen*. Ihn führte es dahin, die von Sönke Neitzel und Harald Welzer benannte „Nationalsozialisierung“ zu konstatieren, eine Umformung normativer Wertvorstellungen in der „partizipativen Diktatur“.

Im folgenden Aufsatz wird die Frage „Was geht hier eigentlich vor sich?“ in grundlegende Quellenkritik gewendet, in eine Mikrohistorie des „Wer wann was wo warum und wozu?“ Dabei ist eine Ausübung jener „Nationalsozialisierung“ zu konstatieren, in der jeder Rückbezug auf normative Werte fehlt, welche die ihr häufig zugeschriebene Höhe technokratischer Perfektion jedoch nicht erreicht.

Emigranten

Die Unternehmer und Warenhausbesitzer Georg und Martin Tietz waren nach 1933 aus dem gleichnamigen Konzern gedrängt worden. Die Brüder emigrierten mit ihren Familien, verkauften ihre Häuser, ließen ihre Mobilien in einer Berliner Spedition einlagern und nahmen die Staatsbürgerschaft Liechtensteins an. Zur Ausfuhr des Umzugsgutes bedurfte es einer Taxierung von Wertgütern, weil dafür Zwangsabgaben zu entrichten waren.

Diese nahm der Sachverständige 1940 zum Anlass, eigenmächtig eine weitere Verwendung darin enthaltener Kunstgüter zu initiieren. Die von ihm angestiftete museale Forderung, einige Objekte der öffentlichen Sammlung „auszufolgen“ trieb die Enteignung voran. Weil eine Enteignung nicht mit einer Ausbürgerung bewerkstelligt werden konnte, wurde in einzelnen Verfügungen das inländische Vermögen der Brüder „zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ erklärt.

Verwertung

Nachdem sich die Finanzbehörden damit Zugriff verschafft hatten, begann die Verwertung des eingezogenen Eigentums der Tietz‘ unmittelbar. Das übernahm die Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg und ging dabei arbeitsteilig vor. Die Vermögensverwertungsstelle bediente inzwischen verschiedene Vertriebswege, die sie nach Art und Wert der anfallenden Objekte beschickte. Ihre Tätigkeiten und Verfügungen können anhand eines umfangreichen Aktenmaterials hier exemplarisch analysiert werden.

Im Verlauf dieser Verwertung zeigt sich, dass der Weg einzelner Güter davon bestimmt wurde, wer diese nach der Vereinnahmung zuerst an die Hand bekam und wie darüber entschied. Trotz des immensem Schwunds an Objekten und zugehörigen Informationen lässt sich an einigen unikalen Gütern** deren Weg an heutige Standorte rekonstruieren.

Referenzfolie

So entsteht mit den folgenden Ausführungen eine quellennahe Detailstudie, die Vergleichsmöglichkeiten schaffen will. Sie soll als Referenzfolie in die Lücke zwischen den Forschungen zur Finanzverwaltung im Nationalsozialismus und der Provenienzforschung zu Besitzerwechseln in den Jahren 1933-1945 gestellt sein.

Diese Grundlagenforschung hat auf der einen Seite ermittelte Normtexte an Praxisnachweisen zu prüfen, auf der anderen Seite Einzelnachweise durch Kontexterschließung zu ergänzen, um das Bild vom so häufig simplifizierten ‚Kunstraub‘ zu vervollständigen.

Ich danke meinen kritischen Lesern Heike Stange, Sebastian Finsterwalder, Dr. Martin Friedenberger und Dr. Sebastian Schlegel.

Download: Verwertung der Umzugsgüter Tietz (PDF-Datei)

* Jürgen Babendreier, Über moralische Erdbeben und andere Katastrophen. In: Selbstbehauptung – Anpassung – Gleichschaltung – Verstrickung. Die Preußische Staatsbibliothek und das deutsche Bibliothekswesen 1933-1945, Hrsg. von Klaus G. Saur und Martin Hollender (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie Sonderband 113), Frankfurt a.M. 2014, S. 69-96.

**Abbildungen einiger dieser Objekte:
Daniel Chodowiecki, „Milchfrau“
Auktionskatalog LangeCentral Collecting PointLost Art-DatenbankBundesverwaltungsamt
Gennaro Greco, „Architekturstücke“
Lost Art-Datenbank –  und GegenstückLandesmuseum Wiesbaden
Fischer, „Schinkelplatz“
Central Collecting PointLost Art-DatenbankBundesverwaltungsamt
Bernhard Rode, „Hahnenschlag“
Hermann Schmitz 1922 (als Chodowiecki) – Auktionskatalog LangeLost Art-Datenbank

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