Municipal Museums

Juni 2021

Logo Texte zum Kunsthandel 1933-1945 Caroline FlickDie ,Entdeckung‘ städtischer Museen als Kunden folgte einem kritischen Blick auf die Hochpreisphase in einem Berliner Auktionshaus. Das Berliner Versteigerungshaus Hans W. Lange und die Sammlung von Nachweisen zu dessen Geschäften von 1937 bis 1943 bietet immer wieder Anknüpfungspunkte für Fragen, die den Handel der NS-Zeit im weiteren betreffen.

Aus der vereinbarten „Arisierung“ des renommierten Hauses Paul Graupe hervorgegangen, profitierte Lange von den Kundenkontakten seines vormaligen Chefs, für den er zuvor als Geschäftsführer tätig war. Mit dem Zulauf von Anbietern seit dem erzwungenen Übergang, dem Angebot bekannter Privatsammlungen und hohen Erlösen konnte er die wachsende Nachfrage bedienen und vielfach Spitzenpreise erzielen.

Städtische Museen gehörten seit Beginn zu seinen Käufern, weil ihr Sammlungsauftrag für kulturgeschichtliche Kunstobjekte der Regionen in dem breiten und gut aufbereiteten Angebot des Hauses stetig Stücke von entsprechendem Profil vorfand. Während Kunstgewerbe häufig preisgünstig zu ersteigern war, zeichneten sich wachsende Ambitionen dieser Häuser ab, die bei offensichtlich steigender Ausstattung ihre Konkurrenz um Spitzenwerke erkennen ließ.

Budgets

Woher kam das Geld? Dazu lässt sich bislang nur eine These bilden: Die längst vorbereitete, aber erst 1935 umgesetzte Gemeindereform lenkte die Einnahmen der Gewerbesteuer von den Ländern in die Gemeinden um, die sie auch erhoben. Kriegswirtschaft mit sinkender Konsumgüterproduktion gegen drastisch steigende Rüstungsproduktion ließen diese Einnahmen bis 1943 auf das Siebenfache ansteigen. Bislang kann nur unterstellt werden, dass die Gemeinden aus diesen Einkünften Kulturprojekte beschickten, die im Dienst politischen und ideologischen Nutzens standen.

Eine erste Typenbildung dieser kommunalen Einkäufe ist vor allem jenen Kolleginnen und Kollegen zu verdanken, die aus ihren Untersuchungen berichteten und Material, Hinweise wie Wissen zur Verfügung stellten, um diese Fragen gemeinsam zu erörtern. Mit besonderem Dank an sie wird diese erste Typenbildung in einer englischen Fassung hier vorgestellt.

Lücken

Wir stoßen dabei auf jede Menge Desiderate. Zuerst scheint es nicht einfach, Kunstsammlungen nach Trägerschaft zu erheben oder gar zu vergleichen. Dann gibt es überaus wenige Dokumente, Sammlungszustände zu jeweiligen Zeiträumen zu erfassen, zu charakterisieren oder gar zu visualisieren, die Zielkonvolute kennen und gewünschte Bezüge verstehen zu können, die Kaufentscheide bestimmten. Die Institutionengeschichte ist vielfach noch nicht geschrieben oder noch nicht kritisch revidiert, häufig nicht einmal konsistent erforscht.

Dabei läuft die Forschungsgemeinschaft auf sattsam bekannte Hindernisse auf.
Gerade haben Kolleg:innen bei Tagungen erneut plädiert, die Institutionsgeschichte parallel zur Provenienzforschung am Haus aufzuarbeiten. Die Aufarbeitung, deren Last nicht einmal eine feste Stelle zu schultern vermag, in einem gesondert geförderten Projekt, bisher offenbar erst einmal geplant und bewilligt, bildet dabei die Ausnahme zur Regel.

Provenienzforschung muss sich in der eng getakteten Projektförderung jeweils auf vorbestimmte Gattungen und Zeiträume beschränken, während sie der Referenzobjekte wie -rahmen dringend bedarf. Auf ihrer Insel produziert sie zwangsweise weitere Wissensinseln, obwohl Übersicht und Gesamtschau dringlich geboten sind.

Möglichkeiten

Umgekehrt ließe sich zu dieser Frage des Einkaufsverhaltens städtischer Institute in der fraglichen Zeit eine Gegenprobe gewinnen. So könnten etwa die Erwerbungen bei einem Münchner Auktionshaus ,kartiert‘ werden, denn die Daten zum Auktionshaus Adolf Weinmüller liegen vor. Es ließe sich fragen, ob nicht nur die Käufe des geplanten „Führermuseums“ in Linz – wie derzeit – sichtbar sein sollten, sondern auch die öffentlicher Institute: um einerseits den Fragestellungen vor Ort aufzuhelfen und andererseits Informationen zu gewinnen, die grundsätzliche Fragen aufarbeiten ließen.

Eine solche ,Kartierung‘ böte ein verlässliches Gesamtbild für wenigstens ein Auktionshaus, während für das Berliner Haus zwangsläufig nur Teile eruiert, davon wieder nur Auszüge gezeigt werden können. Die Identifizierungen beruhen hier auf Annotationen, dann – so vorhanden – auf Untersuchungen, Korrespondenzen und Inventaren der Häuser und vor allem einer freiwilligen Zuarbeit der Kolleg:innen, die auf Nachfragen reagieren konnten.

Thesen

Über den hier vorgestellten Kurzabriss hinaus seien erste ‚Trendmeldungen‘ versucht, die der zugrundeliegenden größeren Untersuchung der Kunden des Berliner Auktionshauses entnommen sind.

Es zeichnet sich ein ,Revirement‘ von Heimat- wie Stadtmuseen um 1937 ab:
▪ neu begründet oder restrukturiert, den Lokalbezug kommunaler Sammlungen demonstrativ zu betonen;
▪ ein erhöhtes Interesse und ökonomisches Potential zur kulturhistorischen Sammlungsmehrung, dem freilich Vergleichszahlen etwa aus der Republik fehlen;
▪ gestärkte Präsentation von Militaria, sei es per Erweiterung oder gar Verselbständigung;
▪ Ausstattungen, die konsequenteres Verfolgen der Interessen an künstlerischer Darstellung der Region wie an Künstlern aus der Region erlauben oder sich explizit zum Ziel setzen;
▪ Vereinnahmung der Künstlerförderung mittels kommunaler Ankäufe;
▪ Ambitionen, die sich mit verfügbaren Mitteln entwickeln und auf Teilhabe an Hochkunst und den Aufbau klassischer Institute wie der Gemäldegalerie zielen;
▪ Erwerbung von Werken mit sekundären Motiven politisch-ideologischer Demonstration;
▪ Reorganisation von vormals durch moderne, beschlagnahmte Kunst geprägten Sammlungen;
▪ Einkäufe zur Investition städtischer Mittel;
▪ Zahlung von Höchstpreisen aus Sonderzuwendungen.

Fragen

Diese ,Trendmeldungen‘ seien der ersten Typenbildung zur Seite gestellt, damit wir diese Überlegungen kritisch weiterdenken können. Erwähnenswert sind neue Ansätze zu historischen Sammlungszuständen, wie sie etwa die „Restitutionen aus den Sammlungen des MAK“ in Wien oder die „Vergangenen Werke“ der Kunsthalle Hamburg sichtbar machen. Institutionenschichte bleibt ebenso Desiderat wie ihre vergleichende Aufarbeitung.

Bevor nicht jemand Gelegenheit bekommt, in den Kommunalarchiven zu untersuchen, aus welchen Haushaltsmitteln die „städtischen Mittel“ zum Einkauf angewiesen wurden, werden wir nicht erfahren, woher das Geld kam.

Denn die Frage lautet nicht, inzwischen hinreichend bekannt, ob der Verkauf ,entarteter‘ Kunst den Krieg finanzierte, sondern ob der Krieg den städtischen Kunstbesitz finanzierte.

Link: Municipal museums go shopping. The auction house Hans W. Lange, Berlin, 1937–1943, in: Retour. Freier Blog für Provenienzforschende, 26.06.2021

Ich danke meinen Kolleg:innen, insbesondere Sarah Bock, Dr. Christopher Galler, Steffi Grapenthin, Dr. Dariusz Kacprzak, Dr. Susanne Meyer-Abich, Dr. Regina Prinz, und dem Team von „Retour“, Sebastian Finsterwalder, Elisabeth Geldmacher, Nadine Kulbe und Robin Reschke, das den Beitrag so freundlich aufgenommen hat.

Jedermann darf dieses Werk unter den Bedingungen der Digital Peer Publishing Lizenz (DPPL) elektronisch übermitteln und zum Download bereitstellen. Der Lizenztext ist im Internet abrufbar unter der Adresse http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0009-dppl-v2-de3